Nur wer kapituliert, hat eine Chance

Anonyme Alkoholiker sehen sich in Wiesbaden selbst als eine "Supergemeinschaft"

Vom 22.12.2007

Haben Sie ein Problem mit Alkohol oder sind Sie schon abhängig? Diese Frage und viele andere werden mit Interessierten, Angehörigen von Alkoholabhängigen und den Betroffenen selbst während des regelmäßigen Mittwoch-Meetings der AA im Gesundheitsamt besprochen.

von
Angelika Eder

Dabei handelt es sich von 18 bis 19 Uhr um ein "offenes Meeting", in dem Sprecher aus ihrer Trinkerzeit berichten und davon, wie ihnen das AA-Programm geholfen hat. Während der anschließenden geschlossenen Veranstaltung treffen sich ausschließlich Alkoholiker, um ihre persönlichen Probleme zu besprechen.

Dort sind auch "Beginner" bestens aufgehoben, wie Caro, Elisabeth, Tina und Wolfgang versichern. Alle vier besuchen das Treffen regelmäßig, weil ihnen der Austausch mit anderen nicht nur Spaß bereite, sondern helfe, trocken zu bleiben. Es war für den 59-jährigen Wolfgang nach eigener Aussage lebensrettend, denn er habe 35 Jahre exzessiv getrunken und sei trotz wiederholter Entgiftungen immer wieder rückfällig geworden. Erst als er Arbeit, Führerschein und schließlich auch noch die Partnerin verloren hatte, kapitulierte er nach einem Aufenthalt in der Klinik Eichberg, gestand sich also ein, dass der Alkohol stärker ist als er und besuchte erstmals ein Treffen der AA.

In den vergangenen dreieinhalb Jahren, während der er sich selbständig machte und nicht mehr trank, hätten ihm die Grundsätze dieser Gemeinschaft sehr geholfen, unter anderem der, gute Vorsätze nur für heute zu fassen. Da heißt es etwa unter Punkt 1 von "Gestern - heute - morgen: Ich kann 24 Stunden lang etwas tun, vor dem ich mich erschrecken würde, sollte ich es ein Leben lang tun müssen."

Wie Wolfgang schwört auch die 53 Jahre alte Tina auf die AA-Treffen. Dort habe sie nachhaltig gelernt, was Außenstehende für so einfach hielten - nach dem Motto "Mit ein bisschen guten Willen kann man..." Der Wille allein half ihr eben nicht, obwohl sie nach einer Entziehung 16 Jahre "trocken" war. Aber während dieser Zeit sei sie ebenso wenig sie selbst gewesen wie davor. Ihren Rückfall erklärt sie sich damit, dass sie nie "kapituliert", sich also nie eingestanden habe, dem Alkohol gegenüber machtlos zu sein und ihr Leben nicht mehr meistern zu können. Außerdem habe sie, so Tina, die längst wieder voll im Berufsleben steht, keinerlei Selbstbewusstsein gehabt.

Das kann Caro, 39 Jahre alt, zumindest heute nicht mehr von sich behaupten: Mit zwölf Jahren war sie zu Hause rausgeflogen, und "dann legte ich los mit Alkohol und Drogen, mit einer Suchtgeschichte, die 21 Jahre dauerte." Nach außen habe sie immer die Show gemacht, innerlich sei sie gebrochen gewesen, bis sie, am Tiefpunkt angelangt, ein Ende des Suchtdrucks und das gezielte Bemühen um einen gesunden Verstand und ein gesundes Gefühlsleben beschloss, bei dem ihr die zwölf Punkte der AA geholfen hätten.

Das gilt ebenso für die 55-jährige Elisabeth, die einst nach einer Trennung zur Flasche griff. Seit 19 Jahren sei das vorbei und sie schon lang wieder voll berufstätig, dennoch besuche sie stets mit Freude die Meetings. "Da darf ich so sein wie ich bin. Da sehen wir die Realität und trinken sie uns nicht schön! Da ist ein Ja ein Ja, ein Nein ein Nein und das Nein, danke! auf das Angebot, ein Glas mitzutrinken bedarf keiner Erklärungen!"

Im Übrigen seien sie alle eine Supergemeinschaft, aber es gebe selbstverständlich auch an allen anderen Tagen (außer sonntags) regelmäßige Treffen der Anonymen Alkoholiker, einer weltweiten - rund zwei Millionen Menschen umfassenden - Gemeinschaft. 1935 in den USA von zwei scheinbar hoffnungslosen Trinkern, einem Börsenmakler und einem Chirurgen, gegründet, verhalf sie nicht nur den Initiatoren zu einem neuen Leben, sondern inzwischen auch zahllosen anderen Betroffenen. Für alle, die Interesse haben, mal in eine Gruppe reinzuschauen, die Alkoholiker keineswegs kontrollieren, sondern ihnen Hilfe zur Selbsthilfe anbieten will, oder die gerade an Weihnachten "abzustürzen" drohen, bieten die AA Treffen am Heiligabend, Montag, 24. 12., 16 bis 18 Uhr, im Winfriedhaus der Bonfatiuskirche, Luisenstr. 31, und Mittwoch, 26. 12, im Gesundheitsamt, Dotzheimer Str. 38-40, von 18 bis 20 Uhr.

Weitere Infos im Internet:
www.anonyme-alkoholiker.de
www.loleh.de/html/fragebogen.html
(Jellinek-Fragebogen: "Sind Sie Alkoholiker?")

 

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