Unsichtbare Vorbilder

Zur 50-Jahr Feier der deutschen Anonymen Alkoholikern
trafen sich 5.000 Teilnehmer in Erfurt. Trotz grosser Erfolge
stagniert die Bewegung. Nur wenige junge Trinker finden
den Weg zu AA.

von Horst Zocker
Das Jubiläum fand in aller Stille statt. Keine öffentliche Werbeschrift kündigte das Treffen an. Kein Transparent empfing am Bahnhof die Besucher. Thüringens Sozialminister Frank-Michael Pietzsch, der die über 5.000 Festteilnehmer am Freitag letzter Woche in Erfurt begrüsste, musste mit der ungewohnten Erfahrung leben, dass weder Fotografen noch Kameraleute seinen Auftritt festhielten - die Anonymen Alkoholiker (AA) aus der Schweiz, Österreich, Südtirol und Deutschland, die sich in Thüringens Hauptstadt zu ihrem Jahrestreffen einfanden und den 50. Jahrestag der AA in Deutschland feierten, meinen es ernst mit ihrer Öffentlichkeitsabstinenz.

Das ist ihre Stärke und zugleich ihr Problem.

Immerhin hatte Bundespräsident Johannes Rau dieser „wundersamen und weltweit grössten Selbsthilfegruppe" zu ihrem Jubiläumstreffen ein überaus anerkennendes Grusswort geschickt. „Sie bieten Hilfe ohne altklug erhobenen oder strafenden Zeigefinger, Hilfe durch Gemeinschaft und Solidarität", schrieb Rau. Und sie tun das ohne Unterstützung durch Dritte: „Das ist für sich genommen schon etwas Besonderes in einer Zeit, in der häufig erst nach der Höhe der Fördermittel gefragt wird."

Walter aus Hannover, trocken mit dem AA-Programm seit 27 Jahren, hörte den Rau-Text mit Genugtuung. Er zählt zu den über 40.000 deutschen Alkis, die nach Möglichkeit mindestens einmal pro Woche ins Meeting gehen, irgendwo in einem Gemeindehaus, einem Kellerbüro, einem Kindergarten, einer Sozialstation. Dort spricht er dann von seinen kleinen und grossen Lebensschwierigkeiten - von den Ängsten vor dem Rückfall, vom Ärger am Arbeitsplatz, aber auch von Reisen, Familienfesten und der Freude, nüchtern zu sein. Und er hört den anderen zu. Das meinen die AA, wenn sie sagen, dass sie „Erfahrung, Kraft und Hoffnung" teilen.

So halten sie sich nicht nur die Flasche vom Leibe. So wachsen sie auch in ein neues Leben hinein. Ihr eigentliches Geheimnis ist, dass sie ziemlich ehrlich von sich und mit anderen reden. Sie haben eben alle schon mal in die Grube geguckt, wie Walter zu sagen pflegt, „Freund Hein" hat mitgesoffen.

Walter hat viel über sich gelernt bei AA. Er verfügt sogar über eine gesellschafts-wissenschaftliche Auswertung seines Genesungsweges, die eine Soziologin nach intensiver Befragung für ein Forschungsprogramm angefertigt hat. Darin steht einleitend, dass er als Süchtiger „mit dem Abgrund fraternisiert" habe und dass sein Lebensspielraum gegen null geschrumpft sei. Was ihm bleiben würde, sollte er überleben, sei ein „verpfuschtes, unaufhebbar stigmatisiertes Leben".

So oder so ähnlich schätzten Anthropologen, Soziologen und Ärzte die Zukunftsaussichten eines Alkoholikers ein, zu der Zeit, als am 31. Oktober 1953 in der „Süddeutschen Zeitung" die Notiz erschien: „Die Vereinigung ,Alcoholics Anonymous' hält morgen, 14 Uhr, im Hotel Leopold ihre erste Versammlung ab." Die meisten der 25 Personen, die sich einfanden, waren amerikanische Soldaten. Von den deutschen Alkis, die den Wunsch hatten, mit dem Trinken aufzuhören, blieben Max, Heinrich und Kurt. Mit ihnen begann die Erfolgsgeschichte der AA in Deutschland.

Heute gibt es in der Bundesrepublik 2700 Gruppen, dazu 160 in Österreich und Südtirol und 210 in der Schweiz. Nach vorsichtigen Schätzungen der AA-Zentrale in New York arbeitet die Gemeinschaft inzwischen in 150 Ländern. Über zwei Millionen Trinker versuchen in mehr als 100.000 Gruppen mit Hilfe von AA trocken zu bleiben. Millionen ist es gelungen.

In Erfurt rechnete sich Walter aus, dass er - wenn er die Zahl von 40.000 Toten zu Grunde legt, die nach Angaben der Bundesregierung pro Jahr allein in Deutschland durch Alkohol umkommen - in seinen trockenen Jahren etwa eine Million Leidensgefährten überlebt hat. Darauf ist er nicht stolz, nur dankbar. Nach mehreren Suizidversuchen war auch er schon fast tot gewesen.

Alkoholismus ist eine Volksseuche. Auch wenn der Pro-Kopf-Verbrauch an reinem Alkohol statistisch leicht gesunken ist ~ die Gefährdeten trinken umso mehr, vor allem Jugendliche. Gesundheits-Staatssekretärin Marion Caspers-Merk, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, gab in dem vergangene Woche veröffentlichten Suchtbericht die Zahl der Alkoholabhängigen mit 1,2 Millionen an.

Das dürfte - nach Experteneinschätzung - eine eher verharmlosende Zahl sein. Karl Mann, Chef der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin in Mannheim sprach im vergangenen Jahr von etwa 1,6 Millionen Abhängigen, das wären etwa drei Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Dazu kommen nach seinen Angaben 2,7 Millionen Erwachsene, die vom Alkohol einen „schädlichen Gebrauch" machen und weitere 5 Millionen mit „riskantem Konsum. Zusammen ergibt das für 9,3 Millionen Menschen alkoholbedingten Beratungs- und Behandlungsbedarf. Mann: „Wir sind ein Volk von Trinkern."

Die Wiedervereinigung hat daran nichts geändert. Aber fast 13 Jahre nach dem Zusammenschluss ist AA in den neuen Ländern mit etwa 100 Gruppen nur sehr karg vertreten. Auch deshalb fand es Thüringens Sozialminister wichtig, dass sich „der Bundesverband", wie er sich ausdrückte, nun erstmals in den neuen Ländern versammelte. Vor der Vereinigung hätte es in der DDR - „weil wir ja im Paradies lebten" - Alkoholismus als gesellschaftliches Problem nicht geben dürfen. Als Arzt wusste Pietzsch aber schon damals, was er jetzt als Minister bekräftigte: „Das Alkoholproblem muss uns alle beunruhigen." Zumal nicht nur die Betroffenen leiden, sondern auch deren Familien.

Die Gesellschaft kommt das teuer zu stehen. Die Folgekosten der Krankheit Alkoholismus schätzen Gesundheitsexperten in der Bundesrepublik derzeit auf etwa 20 Milliarden Euro jährlich Auch Walter hat zunächst viel Geld gekostet - er hat, während er auf endogene Depression behandelt wurde, zeitweise sechs Ärzte nebeneinander konsultiert und belogen, bis er, nach Androhung der Entmündigung, für zwei Monate in einer psychosomatischen Klinik landete.

Dort begriff er seine Machtlosigkeit, den Suff unter Kontrolle zu kriegen, und verstand, dass er sein Leben nicht mehr zu meistern vermochte. Er kapitulierte. Damit vollzog er den ersten Schritt des AA-Programms.

Dass er in den folgenden 25 Jahren insgesamt nur einen einzigen Tag wegen Krankheit am Arbeitsplatz fehlte; dass ihm „die Aneignung seiner Lebenskompetenz" gelang, wie in seinem Genesungsprotokoll steht; dass er, damals 40 Jahre alt und bis zum Zusammenbruch beruflich keineswegs erfolglos, zum ersten Mal in eigener Verantwortung über „die Schritte" entscheidet, „die er gehen will oder auch nicht gehen will" - das alles brauchte der Steuerzahler nicht zu bezahlen, das kriegte Walter kostenlos durch Mitarbeit bei den Anonymen Alkoholikern.

Im Suchtbericht der Bundesregierung werden die Anonymen Alkoholiker, die von der New Yorker Akademie der Wissenschaften als „eines der grossen Phänomene des 20. Jahrhunderts" gefeiert wurden, nur am Rande erwähnt. Die Drogenbeauftragte Marion Caspers-Merk räumt ungeniert ein, dass sie „noch nie mit AA persönlich zu tun" gehabt habe.

Tatsächlich haftet den Anonymen Alkoholikern - 68 Jahre nach ihrer Gründung in der Provinzstadt Akron (Ohio) - vor allem in Deutschland noch immer ein geheimbündlerisches Image an. Warum bleiben sie anonym? Warum nennen sie sich Alkoholiker, obwohl sie doch nüchtern sind? Was hat es mit ihrem frömmlerisch klingenden Programm auf sich? Woher kriegen die das Geld?

Als am 10. Juni 1935 der damals 39-jährige Finanzmakler William (Bill) Griffith Wilson aus New York, von den Ärzten nach 43 Entzugsbehandlungen als hoffnungsloser Säufer aufgegeben, den 55 Jahre alten Arzt Robert (Bob) Holbrook Smith trocken legte, indem er offen mit ihm über seine eigenen Trinkprobleme redete, war das Grundprinzip der Gemeinschaft schon gefunden: Du musst es selber schaffen, aber du schaffst es nicht allein. Fortan arbeiteten Bill und Bob daran, die Botschaft zu verbreiten, dass die Krankheit Alkoholismus womöglich nicht zu heilen, wohl aber zu stoppen sei.

Deshalb nannten sie sich Alkoholiker, auch wenn sie nicht mehr tranken. Um durchzuhalten, erschien es ihnen nötig, dass Reputation, Rang, Macht und Reichtum der Mitglieder nach innen und aussen keine Rolle spielten dürften, daher die Anonymität.

Ein spirituelles Element hielten sie für unumgänglich - doch durfte es sie nicht an irgendeine Sekte, Konfession, Partei, Organisation oder Institution binden. Und für die Finanzen der Gruppen hatten die Mitglieder selber zu sorgen - durch Spenden und den Verkauf von AA-Literatur. Bill schrieb seine Erfahrung in einem Buch nieder, dessen Titel der Gemeinschaft ihren Namen gab: „Alcoholics Anonymous".

Fortan lebten die Kultfiguren Bill und Bob - und mit ihnen die ganze Gemeinschaft - in der zunehmenden Spannung zwischen Anonymität und öffentlicher Sichtbarkeit. In den Traditionen, den Empfehlungen für ein Mindestmass an organisatorischer Übereinkunft, heisst es dazu: „Unsere Beziehungen zur Öffentlichkeit stützen sich mehr auf Anziehung als auf Werbung. Deshalb sollten wir auch gegenüber Presse, Rundfunk, Film und Fernsehen stets unsere persönliche Anonymität wahren."

Aber wie findet man Erwähnung im Fernsehen ohne Bilder? Wie kann man jemanden anziehen, der nicht weiss, dass es AA gibt? „Wir sind, was die Gesellschaft nicht ist - Vorbild", behauptet AA-Geschäftsführer Günther Habedank, der selbst Betroffener ist. Aber auch wenn es wahr wäre - was hilft ein Vorbild, das sich versteckt?

In Wahrheit ist auch Habedank, der angestellte Leiter der deutschen AA-Dienstzentrale aus München, nicht glücklich über den gegenwärtigen Zustand von AA. „Wir stagnieren", sagt er, „die Gemeinschaft wächst zu wenig." Eine Umfrage im Jahre 2000 hatte ergeben, dass bei den Meetings im Lande nur 0,08 Prozent der Teilnehmer unter 2l Jahre alt waren. Bis zu 30 Jahre alt waren zusätzliche 6,15 Prozent. Die Mehrheit der aktiv an den Gruppen teilnehmenden AA, zusammen 68 Prozent, waren zwischen 41 und 70 Jahre alt.

Über eine Trendwende wurde in Erfurt zwar geredet - aber zu erkennen war sie noch nicht. Die meisten der jüngeren Menschen, die sich im Gewusel des Eröffnungsabends in den Glashallen der Erfurter Messe unter den vielen Grauschöpfen verloren, gehörten zu den Gruppen der Angehörigen, den Al-Anon und Alateen, die ihre eigenen Meetings abhielten. Alkoholismus ist eine Familienkrankheit, und auch die Angehörigen helfen einander nach dem Muster des AA-Programms. In Deutschland gibt es 960 AI-Anon-Gruppen.

„In den Vereinigten Staaten ist AA eine nationale Institution", sagte Jochen aus Frankfurt vor geladenen Sozialfachleuten, „davon sind wir bei uns noch ein weites Stück entfernt." Und die zugereisten AA warnte er beim abendlichen Eröffnungsmeeting davor, sich aus Selbstzufriedenheit und Bequemlichkeit von der Gesellschaft abzukoppeln. „Jeder Einzelne von uns sollte bereit sein, seine Beziehung zur Öffentlichkeit zu überprüfen und gegebenenfalls zu ändern."

Immerhin wehten die weissen Fahnen der Gemeinschaft vor dem Erfurter Messegelände schon direkt an der Strasse - jeder konnte das blaue Dreieck mit den rätselhaften Buchstaben AA blossen Auges erkennen. Aber ob einer wusste, wo für sie stehen? In Thüringen gibt es 50.000 Alkoholiker, aber nur 16 Gruppen, in Erfurt davon zwei.

DER SPIEGEL 19/2003

Volkssucht Alkohol
Menschen mit Alkoholproblemen in Deutschland

Quelle: „Deutsches Ärzteblatt"


Riskanter Konsum 5,0 Mio
täglicher Konsum für Männer: 40 Gramm Alkohol entspricht 0,4 Liter Wein oder 0,8 Liter Bier; Frauen: 20 Gramm Alkohol

Schädlicher Konsum 2,7 Mio
Konsum, der zu einer physischen (z. B. Magenschleimhautentzündung) oder psychischen (z. B. Gedächtnisstörung) Beeinträchtigung der Gesundheit führt

Abhängigkeit 1,6 Mio.
wenn mindestens drei der folgenden
Kriterien innerhalb eines Jahres nachweisbar sind

  • Zwanghafter Alkoholkonsum
  • Alkoholdosis wird permanent erhöht
  • Entzugserscheinungen
  • Vernachlässigung ariderer Interessen und Neigungen
  • Kontrollminderung über Beginn, Umfang und Beendigung des Alkoholkonsums
  • Fortführung des Konsums trotz eindeutig eingetretener körperlicher, psychischer oder sozialer Folgeschäden

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