Auffangnetz zu eng geknüpft

Von Frau Dr. Christiane Berg, Hamburg, in der PZ- Pharmazeutische Zeitung Nr. 21/04

Der Altersdurchschnitt der Anonymen Alkoholiker in Deutschland steigt, denn die Betroffenen wenden sich immer später an Selbsthilfegruppen. Diese Entwicklung könnte eine Begleiterscheinung des deutschen Sozialstaates sein, der die häufig aktivierende Krise hinauszögert.

„Endlose Hilfe führt stets dazu, dass die Selbstheilungskräfte der Betroffenen unterdrückt und diesen ihre zwar riskante, aber häufig allein zur Genesung führende Krise vorenthalten wird“, sagte Dr. Friedrich Ingwersen, Oldenburg, auf dem Ländertreffen der Anonymen Alkoholiker in Hamburg. Die stetige finanzielle Unterstützung des Alkoholikers in Form von Arbeitslosen- und Sozialhilfe, die immerwährende verständnisvolle, alles entschuldigende Zuwendung und Aufmerksamkeit in Form von Suchthilfe und -therapie könne einen gefährlichen Beitrag zur Eskalation leisten, die der Erkrankung innewohnt. „Je mehr die Solidargemeinschaft für den alkoholkranken Menschen tut, desto mehr wachsen seine Schuldgefühle. Sein Hang zur Selbstzerstörung wird gefördert, das Elend wächst“, so Ingwersen. Dieses „sozialstaatliche Hinauszögern des Katastrophenpunktes“ berge Gefahren.

Brutale Krise
In den Meetings der von 5000 Anonymen Alkoholikern und Angehörigen besuchten Veranstaltung machten Betroffene deutlich, dass die heilende Umkehr und Genesung erst dann möglich wird, wenn der „harte Aufschlag ganz unten, sprich: die brutale Krise, der persönliche Tiefpunkt verbunden mit absoluter Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung“ erreicht ist. Erst der völlige Absturz, das gesellschaftliche Aus, der tatsächliche oder sich abzeichnende Verlust des Partners oder des Arbeitsplatzes, das schon begonnene oder drohende Leben auf der Straße, der nahe Tod bei ausbleibender Wende habe sie veranlasst, Hilfe zu suchen, den Kontakt zu den Anonymen Alkoholikern aufzunehmen.

Das eng geknüpfte Auffangnetz in Deutschland verhindere den Absturz, die Krise, aber auch deren positiven Effekt. Ingwersen sprach von einem „unlösbaren ethischen Dilemma“. Keinesfalls etwa dürfe das US-amerikanische Gesundheitssystem und Sozialwesen als Vorbild dienen und der deutsche Sozialstaat und die Solidargemeinschaft abgeschafft werden. Und keinesfalls könne es darum gehen, Alkoholikern therapeutische, psychische, soziale oder finanzielle Hilfen zu verweigern. Doch müssten sich die Verantwortlichen der „Gradwanderung“ zur weitest gehenden Minimierung schwer wiegender Schäden bewusst sein. Eine Patentlösung gebe es nicht.

Reden, reden, reden
Bei den AA gilt die Regel, dass keiner dem anderen Vorschriften oder gar Vorhaltungen macht. Weder wird Kritik geübt, noch werden Ratschläge erteilt. Jeder hört „nur“ zu, wenn der andere seine Geschichte erzählt. „Reden, reden, reden, über die Scham, über die Angst, über die Minderwertigkeitsgefühle“: Das Bedürfnis nach Erfahrungsaustausch führte auch den New Yorker Börsenmakler Bill W. (39) und den Chirurgen Bob S. (55) 1935 in Ohio zusammen, die beide schwer unter Alkoholismus litten. Sie stellten fest, dass ihr Zwang zu trinken schwand, als sie offen über ihre Probleme sprachen.

Dieses Prinzip machten die beiden zur Grundlage von Gruppenarbeit mit anderen Alkoholikern. Sie erarbeiteten gemeinsam die „Zwölf Schritte zur Gesundung“ – Empfehlungen, die aus den Erfahrungen „nasser“ Männer und Frauen gewonnen wurden. Heute gibt es weltweit bereits über zwei Millionen AA-Mitglieder, die ihre Krankheit besiegen konnten. Allein in Deutschland haben sich 2700 Gruppen etabliert.

Mit den zwölf Schritten habe er als Arzt ein „wertvolles Heilmittel“ in der Hand, sagte Ingwersen. Mit dem Gedankengut der AA könne er seinen Patientinnen und Patienten eine „funktionierende Überlebensrezeptur“ nennen, die zum Erfolg führe, wenn gängige Entwöhnungstherapien versagen. Sie wirke auch bei Essgestörten sowie bei tabletten-, spiel-, sex- und arbeitssüchtigen Menschen. Die pragmatische und zugleich philosophische Arbeitsgrundlage der Anonymen Alkoholiker, die nicht von Therapeuten, sondern von „Laien“ entwickelt wurde, berücksichtige Erkenntnisse der modernen Psychotherapie und sei als Vorform der Familientherapie praktiziert worden, lange bevor diese ins Leben gerufen wurde.

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