Spiritualität statt Spiritus

Von Frau Dr. Christiane Berg, Hamburg, in der PZ- Pharmazeutische Zeitung Nr. 15/04

„Anonyme Alkoholiker“: Zu dieser weltweiten Gemeinschaft haben sich Männer und Frauen zusammengeschlossen, die miteinander „ihre Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen, um ihr gemeinsames Problem zu lösen und anderen zur Genesung vom Alkoholismus zu verhelfen“. Die einzige Voraussetzung zur Zugehörigkeit ist der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören.

„Uns hängt bisweilen noch immer der Ruf an, eine Art Sekte oder religiöse Geheimgesellschaft zu sein. Alles andere als das: Wir sind ausschließlich Praktiker. Jeder muss seine Genesung – ein Leben ohne Alkohol – selbst in Angriff nehmen. Die Gemeinschaft zeigt nur Lösungsmöglichkeiten und Lösungswege auf“, sagt Jürgen F. (55), selbst Alkoholiker und seit 20 Jahren „trocken“.

Seit 1984 ist er Mitglied der Organisation. „Einmal mehr war ich damals nach einem Alkoholexzess völlig abgestürzt und sah keinen Sinn mehr in meinem Leben. So wollte ich nicht weiter existieren“, erinnert er sich heute. An diesem Tiefpunkt habe er sich an den Rat eines Freundes erinnert, die Hilfe der Anonymen Alkoholiker (AA) in Anspruch zu nehmen. „Ich rief dort an. Ab da ging es mit mir bergauf“, so der „genesene Trinker“ heute.

Es sei für ihn ein Befreiungsschlag gewesen, Teil einer Gemeinschaft zu werden, in der er sich nicht länger mehr habe verstecken müssen. „Der Alkohol war zum Kernproblem meines Lebens geworden. Nicht nur meine Gesundheit, auch meine Partnerschaft war geschädigt. Ich konnte meiner Frau nicht mehr in die Augen sehen. Hinzu kamen Probleme am Arbeitsplatz“, erinnert sich der Ehemann und Vater zweier Kinder, denen er ebenfalls nicht mehr gerecht geworden sei. In der Gruppe habe er über seine seelischen Nöte und über seine Hemmungen sprechen können, die ihn dazu bewogen hätten, den Alkohol immer häufiger als „Hilfsregler“ einzusetzen.

Zwölf Schritte und Traditionen
„Reden, reden, reden, über die Scham, über die Angst, über die Minderwertigkeitsgefühle.“ Dieses Bedürfnis war es auch, das den New Yorker Börsenmakler Bill W. (39) 1935 in Akorn, Ohio, mit dem Chirurgen Bob S. (55) zusammenführte, die beide schwer unter der Krankheit Alkoholismus litten. Sie stellten fest, dass ihr Zwang zu trinken schwand, als sie offen über sich sprachen. Beide machten dieses Genesungsprinzip im Folgenden zur Basis von Gruppenarbeit mit anderen Alkoholikern. Sehr schnell führte das gemeinsam erarbeitete spirituelle Gedankengut zur Formulierung der „12 Schritte zur Gesundung“ – Empfehlungen, die aus den bitteren Erfahrungen „nasser“ Männer und Frauen gewonnen wurden.

„Wir geben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind und unser Leben nicht mehr meistern können. Wir kommen zu dem Glauben, dass eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann. Wir fassen den Entschluss, unseren Willen und unser Leben dieser Macht anzuvertrauen. Wir machen eine gründliche und furchtlose Inventur in unserem Inneren.“ So lauten die ersten vier Schritte des Lebensprogramms, mit dem bis Ende 1941 bereits 8000 Alkoholiker ihre Krankheit besiegen konnten.

Erhalt durch eigene Spenden
Die überraschende Ausbreitung der AA auch im Ausland brachte erhebliche strukturelle Schwierigkeiten mit sich. 1946 wurden wegen aufgetretener Spannungen die „12 Traditionen“ der AA veröffentlicht, die sowohl das Innenleben der Gemeinschaft als auch ihre Beziehungen zur Umwelt regeln. Dazu zählt die Prämisse, dass eine AA-Gruppe niemals ein außenstehendes Unternehmen unterstützt, finanziert oder mit dem AA-Namen „deckt“. Keinesfalls sollen Besitz- oder Prestigeprobleme vom eigentlichen Zweck der Gemeinschaft ablenken.

Gleichermaßen gilt der Grundsatz, die Unabhängigkeit und Einigkeit zu wahren, indem von außen kommende finanzielle Unterstützungen, egal ob von Privatpersonen, Unternehmen oder Behörden, grundsätzlich abgelehnt werden. Die Gemeinschaft kennt keine Mitgliedsbeiträge oder Gebühren. Sie erhält sich durch eigene Spenden. Die Anonymen Alkoholiker bieten keine Sozialdienste an, stellen weder Unterkunft noch Verpflegung, Kleidung, Arbeit oder Geld zur Verfügung. Sie kontrollieren ihre Mitglieder in keiner Weise
Jürgen: „Jeder entscheidet selbst, ob er trinkt oder nicht.“

Schutz der Identität
Mit der amerikanischen Besatzungsmacht kamen die AA auch nach Deutschland. 1953 wurde die erste AA-Gruppe in München gegründet. In der Bundesrepublik nahmen die Anonymen Alkoholiker in den 60er-Jahren ihren ersten größeren Aufschwung. Mittlerweile gibt es in Deutschland, Österreich und der Schweiz 3000 Gruppen mit genesenen und genesenden Mitgliedern. Im Augenblick zählt die Gemeinschaft in 150 Ländern der Erde über 100.000 Gruppen mit insgesamt circa 2,1 Millionen anonymen Alkoholikern.

Ebenfalls in den 12 Traditionen verankert ist die hundertprozentige Anonymität, die für die Gemeinschaft unabdingbar ist: „Jeder, der sich an AA mit der Bitte um Hilfe wendet, muss sicher sein, dass seine Identität geschützt wird“, bestätigt Jürgen. Deswegen sprächen sich die Mitglieder mit Vornamen an und interessieren sich nicht für die Stellung des anderen im öffentlichen Leben. Es gäbe weder Akten noch Mitgliederkarteien. Die Anonymität bewahre den Einzelnen und die Gemeinschaft vor unerwünschter Popularität und immer drohender Profilierungssucht. Sie biete das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit. Sie bedeute Einordnung in die Gemeinschaft, die nur als Ganzes bestehen kann. Gängige hierarchische Strukturen werden außer Kraft gesetzt. Jürgen: „Wir Alkoholiker sind gleich in unserer Krankheit. In der Gruppe zählt nur die Aussage, nicht die Person.“

Kapieren statt krepieren
Die Anonymen Alkoholiker unterscheiden drei Meetingformen. Ob jung oder alt, ob männlich oder weiblich, ob Manager, Beamter, Verkäufer, Handwerker, Hausfrau, Landwirt, Arbeitsloser oder Rentner, ob jeden Tag, alle zwei Tage, einmal in der Woche oder einmal im Monat: Im „geschlossenen Meeting“ treffen sich nur Alkoholikerinnen und Alkoholiker. Sie alle eint der Wunsch, nüchtern zu bleiben. Dabei spricht jeder nur für sich und über sich selbst und seine eigenen Gefühle. Weder wird Kritik geübt, noch werden Ratschläge erteilt. „Jeder kann auf diese Weise die Fähigkeit entwickeln, sich selbst zu erkennen“, sagt Jürgen aus eigener Erfahrung. Am „offenen Meeting“ nehmen dagegen außer Alkoholikern auch Familienangehörige, Freunde oder Verwandte teil. Die Form des „Informationsmeetings“ schließlich erlaubt es, auch Fachreferenten zum Thema Alkoholismus sprechen zu lassen. Neben auswärtigen AA-Freunden und Nichtalkoholikern, den so genannten NAs, kommen als Gastredner der Gemeinschaft nahe stehende Ärzte, Therapeuten, Seelsorger oder Mitarbeiter der sozialen Dienste zu Wort.

„Mit dem Verstand ist dem Alkoholismus nicht beizukommen. Kapieren statt Krepieren.“ Erst der vollständige Zusammenbruch habe bei ihm die Wende eingeleitet, sagt auch Ralph K. (60), der durch die Sucht seine Familie und sein Vermögen verloren hat, mit Hilfe der AA jedoch in ein „zufriedenes Leben ohne Alkohol“ zurückgefunden hat. „Wir behaupten nicht, wir hätten die einzige Lösung für das Alkoholproblem. Wir sind auch keine Abstinenzbewegung mit Alleinvertretungsanspruch“, sagen beide AA-Mitglieder übereinstimmend. Ihnen habe die Aufnahme in die Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker den Weg aus der Hölle der Alkoholkrankheit, der Vereinsamung und der Verzweiflung gewiesen. „Wir sind verantwortlich. Wir möchten an andere, die leiden, weitergeben, was uns geholfen hat“.

Kontakt zu den Anonymen Alkoholikern erhält man beim Gemeinsamen Dienstbüro, Postfach 460227, 80910 München. Das Büro ist unter der Telefonnummer (0 89) 3 16 95 00 zu erreichen oder per E-Mail an kontakt@anonyme-alkoholiker.de.
Im Internet ist die Organisation unter
http://www.anonyme-alkoholiker.de/
zu finden

Hilfe für Angehörige
Die Angehörigen und Freunde der Alkoholiker nahmen bis 1949 zunächst an den Meetings der AA teil. Dabei erkannten sie, dass in ihrem Leben mit Alkoholikern andere Probleme und Schwierigkeiten zu lösen sind als von den Anonymen Alkoholikern selbst. So entstanden 1951 die Al-Anon-Familiengruppen (Alcoholics Anonymus) für erwachsene Angehörige und Alateen-Gruppen (Al-Anon-Teenager) für Kindern und jugendliche Angehörige zwischen 10 und 20 Jahren. Die Betroffenen erfahren, dass die krankhafte Fixierung auf den trinkenden Partner oder das trinkende Elternteil die typische Reaktion der Familie ist. Sie hören, dass sie selbst nicht für die Alkoholkrankheit des anderen verantwortlich sind und ebenso wenig für dessen Gesundung. Sie lernen, dass durch „Loslassen“ des Problems der Weg zur Selbsthilfe frei wird.

Das Zentrale Dienstbüro der Al-Anon Familiengruppen sitzt in 45128 Essen, Emilienstraße 4, und ist unter der Telefonnummer (02 01) 77 30 07 oder Faxnummer (02 01) 77 30 08 zu erreichen beziehungsweise unter
http://www.al-anon.de/
zu finden.

 

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