Lebensgeschichte von Lothar


Alkohol- und Medikamentenmißbrauch führten mich in die Hölle. Bedingungslose Kapitulation befreiten mich daraus. Meine Lebensgeschichte beschreibt die Hölle des Lebens in der ich mich gefangen hielt, bis ich mich durch bedingungslose Kapitulation daraus befreien konnte.

Die ersten drei Jahre meines Lebens verbrachte ich in einem Kinderheim bei Freiburg (Schwarzwald). Das Vormundschaftsgericht hatte meinen Eltern das Sorgerecht entzogen, da Vater ständig trank und meine Mutter auf Grund der Trunksucht meines Vaters, der gewalttätig war wenn er trank, sich um die Kinder nicht kümmern konnte. Mein Vater wurde in die Psychiatrie eingewiesen und dort behandelt. In dieser Zeit ließen sich meine Eltern scheiden.

Mein Vater, kriegsverletzt (im 2. Weltkrieg hatte er sich eine Kopfverletzung zugezogen die nicht operiert werden konnte) und arbeitsinvalide (bei einem Arbeitsunfall verlor er die rechte Hand - böse Zungen behaupten unter Alkoholeinfluß - die durch eine Prothese ersetzt wurde) bezog eine üppige Invalidenrente die er zum größten Teil versoff. In der Psychiatrie führte mein Vater ein ärztezugefallendes Leben und wurde nach 2 Jahren entlassen. Er heiratete erneut, seine 2.Frau brachte einen Jungen mit in die Ehe. Er beantragte das Sorgerecht für seine Kinder und bekam dieses auch zugesprochen.

Von 4. - 7. Lebensjahr war ich bei meinem Vater und meiner Stiefmutter. Vater fing wieder an, seine Invalidenrente zu vertrinken und so mußte meine Stiefmutter arbeiten gehen damit die Familie was zu essen bekam. Wenn Vater trank, wurde er sehr gewalttätig, auch uns Kindern gegenüber und daher war es besser, ihm aus den Weg zu gehen. Wenn er wenig trank, was selten vorkam, war er jedoch ein liebenswerter und umgänglicher Mensch. An solchen Tagen ging ich mit Vater in den Wald um Tannreis zu sammeln, im Sommer Beeren und im Herbst Pilze. Vater war ein großer Pilzkenner und ich konnte viel von ihm lernen.

Um seine Invalidenrente aufzubessern, betreute Vater Hunde, die der ortsansässige Tierschutzverein ihn zur Pflege gab. Mit Hilfe seiner Kinder wurde ein großer Hundezwinger gebaut. Ich bekam die ehrenvolle Aufgabe zugeteilt, die Tiere zu versorgen. In der Regel bekamen die Hunde Wasser, das ich aus einem nahen Bach schöpfte, Haferflocken, die der Tierschutzverein in Säcke anlieferte und vom ansässigen Metzger Schlachtabfälle. Am Anfang hatte ich Angst vor den Hunden bis mein Vater mir sagte, daß ich keine Angst zu haben brauche. “Schau mal”, sagte er zu mir, “diese Hunde haben Schlimmes mit Menschen erfahren und haben nun Angst vor Dir, weil Du ja auch ein Mensch bist. Wenn Du lieb zu den Hunden bist, sie regelmäßig fütterst und Wasser gibst, werden sie ihre Angst verlieren und Dir nichts tun. Aber Du mußt ihnen Zeit geben, damit sie sich an Dich gewöhnen. Das habe ich getan und mit der Zeit wurden wir gute Freunde, die Hunde und ich.

Ein Hund hat es mir besonders angetan. Ein kranker Schäferhund der so mißhandelt wurde, daß er nur noch humpeln konnte. Er wurde mein Freund und Ständiger Begleiter. Der Hund beschützte mich auch. Als mein Vater wieder einmal im betrunkenen Zustand mich schlagen wollte, biß ihn der Hund in seine Hand. Vater lachte und von dem Tag an hatte ich Ruhe vor meinen Vater. Ich war mit dem Hund, der mein bester Freund war, viel unterwegs und genoß die
Freiheit.

Diese Freiheit fand ein jähes Ende, als 2 Vertreter des Kreisjugendamtes bei uns Zuhause auftauchten und meinen Vater sprechen wollten. Sie brachten eine Verfügung des Vormundschaftsgerichts mit, die Kinder in Heimen unterzubringen. Der Grund war, mein Vater mal wieder betrunken, schlug meinen Bruder so heftig mit dem Gürtel auf den Rücken, daß dieser grün und blau angelaufen war. Das bemerkte der Lehrer der Dorfschule beim Sportunterricht und verständigte das Jugendamt. Diese wurden nun tätig und mein Schicksal nahm nun seinen Verlauf. An dem Tag, als die Vertreter des Jugendamtes auftauchten, habe ich meinen Vater das letze mal gesehen. 9 Jahre später starb er bei einem Unfall oder Selbstmord. Genau weiß das niemand. Mein Vater wurde im alkoholisiertem Zustand in Essen von einem Zug überrollt.

Wir Kinder wurden im verschiedene Heime untergebracht. Ich kam mit meiner älteren Schwester und meinem Stiefbruder in ein katholisches Kinderheim. In dem Heim angekommen wurde ich von meinen Geschwistern getrennt, erhielt Kontaktverbot und war von nun an, auf mich allein gestellt. Am meisten fehlte mir mein Hund. Ich hatte alles verloren was mir lieb und teuer war.

In dem Heim herrschte Zucht und Ordnung. Disziplin und Gehorchen standen an oberster Stelle. Jeglicher Ungehorsam wurde bestraft. Schläge waren an der Tagesordnung und gehörten zur Erziehung. Dabei spielte es keine Rolle ob es bei den Strafen gerecht oder ungerecht zuging. Verdient, wurde mir gesagt, habe ich es allemal. Wehren konnte und durfte ich mich nicht, es zog weitere Strafen nach sich. Es gab auch niemanden bei dem ich mich beschweren oder ausweinen konnte, ja ich vermißte meinen Hund. Ich begann mir eine Traumwelt zu schaffen in der alles gut war, in der ich Gerechtigkeit fand, in der ich mich wohlfühlte. Diese Traumwelt ließ mich die seelischen Schmerzen, die ungerechten Strafen und Mißhandlungen ertragen. Ich zog mich immer weiter in diese Traumwelt zurück und verdrängte die Realität. In meiner Traumwelt brachte ich Nonnen und Kinder um, die mir weh taten. In meiner Traumwelt hatte ich meinen Hund, dem ich mich anvertrauen konnte. Das Bett war das Zuhause meiner Traumwelt, das Kopfkissen mein Hund. Ich schaukelte mich in diese Traumwelt. Viele, viele Jahre lebt ich in dieser Traumwelt und verstärkte sie später mit Alkohol und Medikamenten.

Meine schulischen Leistungen ließen zu wünschen übrig. Ich tat nur das Notwendige um einigermaßen über die Runden zu kommen. Ich ging zur Heimschule. Die Heimschule hatte 2 Klassenräume, in Raum 1 wurden die Schüler der ersten bis einschließlich der vierten Klasse unterrichtet, in Raum 2 die Schüler der fünften bis einschließlich der achten Klasse. Ich hatte das Glück oder auch Pech in allen Klassen den selben Lehrer zu haben. dieser Lehrer war ein Freund von Kollektivstrafen, d.h. wenn jemand den Unterricht störte weil er zu seinem Tischnachbarn sprach, wurden immer beide mit Strafarbeiten belegt. Der Eine, weil er gesprochen hatte und somit den Unterricht störte, der Andere, weil er zuhörte. Ich verweigerte mich und beteiligte mich selten an den mir aufgebürdeten Strafarbeiten. Entsprechend sah mein Zeugnis aus. Es war mir egal, schließlich hatte ich meine Traumwelt. Das neunte Schuljahr absolvierte ich in der regulären Dorfschule, da in der Heimschule die 9. Klasse noch nicht eingerichtet war. Dort wurden meine schulischen Leistungen besser, was sich auch im Abschlußzeugnis bemerkbar machte.

Das Kinderheim versorgte sich selbst. Neben einer eigenen Werkstatt, die Hausreperaturen durchführte, unterhielt das Kinderheim auch eine Gärtnerei, eine Bäckerei sowie eine eigenständige Landwirtschaft. Wiesen, Felder und ein Stück Wald gehörten dem Heim. Für die Landwirtschaft war ein Landwirt angestellt, alle anderen Bereiche wurden von Nonnen geleitet. Die Kinder wurden zur Mitarbeit angehalten. Das ging soweit, daß während der Erntezeit keine Schularbeiten gemacht zu werden brauchte, damit die Kinder zur Arbeit in der Landwirtschaft eingesetzt werden konnten. Auch ich wurde zur Arbeit angehalten, die ich sehr widerwillig verrichtete. Es kam vor, daß eine Arbeit solange gemacht wurde
(Reinigungsarbeiten) bis die Nonne zufrieden war. Manche Arbeiten mußten vor dem Frühstück verrichtet werden, wenn diese Arbeit nicht geschafft wurde, gab es für den Betreffenden eben kein Frühstück. Wie gesagt, es mußte alles seine Ordnung haben.

Kirchgang war Pflicht! Im Kinderheim war eine Kapelle, in der täglich Gottesdienste abgehalten wurde. Wir Kinder mußten viermal die Woche zum Gottesdienst und samstags zur Beichte. Auch die Nonnen gingen beichten. Ich habe mir oft überlegt, was für ein Gott das sein muß, der dies alles zuläßt. Es wurde von Liebe geredet und geschlagen, es wurde um Verzeihung gebetet und bestraft, es wurde um Gnade gebeten und Härte praktiziert. Und dies alles im Namen Gottes und der Nächstenliebe. Nein !! Mit so einem Gott wollte ich nichts zu tun haben. Lieber hätte ich mich mit dem Teufel verbündet, als solch einen Gott anzubeten. Ich lernte Gott und sein Bodenpersonal zu hassen. Seit ich aus dem Heim bin, war ich nie wieder zur Beichte. Mein Haß war so tief daß ich in dem Heim fast eine Nonne umbrachte die mich mal wieder bestrafen wollte, Daß ich meine Tat nicht vollenden konnte, war nicht mein Verdienst. Herumstehende Kinder zogen mich von ihr weg. Ein gutes hatte die Sache jedoch gehabt; ich wurde nie wieder von Nonnen bestraft, auch nicht mehr geschlagen. Diese Erfahrung prägte mein weiteres Leben; ich wehrte mich nicht, ich vernichtete.

In diesem Kinderheim erkrankte ich psychosomatisch. Ich bekam Magengeschwüre (zwölf Fingerdarm Geschwür) das nicht behandelt wurde, da ich es verheimlichte. Es vernarbte von selbst. Magengeschwüre wurden meine ständige Begleiter, und ich pflegte sie. Magengeschwüre konnte ich immer als Vorwand nehmen, um mich krank schreiben zu lassen. Das tat ich vornehmlich, wenn ich soviel gesoffen hatte, daß ich nicht arbeiten konnte. Doch davon später mehr. In dem Heim lernte ich stark zu sein, keine Schwäche zu zeigen, meine Gefühle zu verbergen. Ich fing an den Anderen zu kontrollieren, seine Schwachstelle ausfindig zu machen und diese gegen ihn zu benutzen. Ich ließ nichts und niemanden an mich heran, baute um mich herum eine Mauer und isolierte mich dadurch selbst. Freundschaften konnten so nicht entstehen. Für Beziehungen war ich zu schüchtern. Wenn ich ein Mädchen ansprach, wurde ich sofort rot und gehemmt. Schuld daran hatten natürlich die Mädchen, die albern kicherten und mich verlegen machten. Ich sprach auch kein Mädchen mehr an. Zwar sehnte ich mich nach Liebe und Geborgenheit, was soll´s dachte ich mir. Ich hatte ja meine Traumwelt.

Mit Abschluß des 9. Schuljahrs kümmerte ich mich um einen Ausbildungsplatz. Mir wurde nahegelegt die Beamtenlaufbahn bei der Post einzuschlagen. Ich machte bei der Post in Freiburg einen Eignungstest den ich bestand und begann eine Lehre als Postjungbote. Da ich ja irgendwo wohnen mußte, wurde ich in ein Jugendwerk nahe bei Freiburg verlegt. Dort hatte ich es mit Erzieher zu tun und nicht mehr mit Nonnen. Die Insassen des Heimes waren Jugendliche in meinem Alter bis Volljährigkeit. Das Heim gefiel mir schon bedeutend besser, dort hatte ich mehr Freiheiten.

Die Lehre bei der Post fing zunächst gut an. Ich arbeitete auf einem kleinen Postamt in der Stadt hinterm Paketschalter und kam mit meinem Vorgesetzten gut aus. Als Lehrling mußte ich 2 mal die Woche zur Schule, montags zur Handelsschule, mittwochs zur postinterne Schule. In der postinterne Schule hatte ich einen Ausbilder, der mir nicht zusagte. Dieser Ausbilder ließ nur eine Meinung gelten, nämlich seine Eigene. Das hatte zur Folge, daß ich Postgebühren auswendig lernen sollte, die 14 Tage später sowieso geändert wurden. Ich machte dem Ausbilder diesen Umstand klar und weigerte mich, die veralteten Gebühren auswendig zu lernen. Der Ausbilder wertete meine Weigerung als grobe Verletzung des Ausbildungsvertrages und das Lehrverhältnis wurde nach der Probezeit beendet. So fand meine Beamtenlaufbahn ein jähes Ende.

Das Heim in dem ich lebte erlaubte mir, mich um eine andere Lehrstelle zu bemühe. Ich fand eine Lehrstelle als Einzelhandelskaufmann in einem Eisenwarenfachgeschäft. Dort bekam ich das Sprichwort “Lehrjahre sind keine Herrenjahre” hautnah zu spüren. Ich wurde als Mädchen für alles eingesetzt. In der Regel machte ich dort Packer und Reinigungsdienste. An kalten Tagen war es meine Aufgabe, den Kohleofen zu heizen. Ich bemühte mich redlich, jedoch ohne Erfolg. Einem Verkäufer sind ein Paket Zigaretten abhanden gekommen, ich wurde des Diebstahls beschuldigt, wehrte mich mit Faustschläge gegen diese Unterstellung und wurde fristlos gefeuert.

Eine weitere Lehrstelle war in diesem Jahr nicht mehr zu finden, wir hatten Winteranfang und so wurde ich in der heimeigenen Werkstatt beschäftigt. Das Heim hatte auch eine Gärtnerei, in der ich im Frühjahr zu arbeiten anfing. Für die Arbeiten in der Gärtnerei fehlte mir einfach das Interesse und so schwänzte ich häufiger die Arbeit. Mein Erzieher machte mir Vorhaltungen und prophezeite mir ein böses Ende, wenn ich so weitermachen würde. Von Prophezeiungen hatte ich die Schnauze voll und haute aus dem Heim ab. Ich trampte nach Freiburg und trieb mich dort am Hauptbahnhof herum.

Am Hauptbahnhof lernte ich einen jungen Mann kennen, der sich seinen Lebensunterhalt mit Prostitution verdiente. Er führte mich in dieses Gewerbe ein. Ich machte sehr schnell die Erfahrung, daß auf diese Art und Weise leicht Geld zu verdienen war. In Freiburg gab es einen Park, wo sich nachts Homosexuelle
trafen, um nach Gleichgesinnte oder Strichjungs Ausschau zu halten. Ich verkaufte an Homosexuelle meinen Körper und ekelte mich vor mir selbst. In der Stadt gab es auch eine Nachtbar, in der sich die Homosexuellen trafen. Auch dort trieb ich mich rum, um mich anzubieten.

Am Hauptbahnhof und in der Umgebung waren 2 Gaststätten die es mit dem Jugendschutz nicht so genau nahmen. Ich hatte keine Schwierigkeiten an Alkohol zu kommen. Meinen Ekel spülte ich mit Bier herunter und das nicht zu knapp. Zwar schmeckte mir das Bier nicht, aber tat seine Wirkung. Ich hatte nun herausgefunden, daß ich meine Gefühle mit Alkohol betäuben konnte und der Alkohol machte es mir leichter, in meiner Traumwelt zu leben. Ich konnte meinem Gewerbe nachgehen und verdiente mir somit meine Besäufnisse.

Da ich mich ständig am Hauptbahnhof aufhielt, bekam ich Ärger mit der Bahnpolizei. Diese erteilten mir Bahnhofsverbot, das ich schlichtweg ignorierte. Es kam zu ersten Strafanzeigen wegen Hausfriedensbruch. Ich begann die Bahnpolizisten zu hassen. Ich tat niemanden was und wollte in Ruhe gelassen werden. Die Bahnpolizisten sahen das anderst. Da tagsüber am Bahnhof nichts zu verdienen war, ging ich erst abends hin. Tagsüber hielt ich mich im Stadtpark auf und wenn schlechtes Wetter war, in einer Kneipe am Hauptbahnhof.

In dieser Kneipe lernte ich zwei Jugendliche kennen, die von Einbrüchen lebten. In der Regel knackten sie Autos und entwendeten die darin befindlichen Wertgegenstände, unter anderem auch Euroschecks. Sie fragten mich, ob ich mir ein paar Märker verdienen wolle und ob ich bereit sei, den Scheck bei einem Juwelier einzulösen. Sie fälschten eine Scheckkarte auf meinem Namen. Ich füllte den Scheck aus, nahm die Karte und ging damit ins Juweliergeschäft. Ich konnte anstandslos eine teure Uhr erstehen und bekam dafür von den beiden Jugendliche 50 DM. 14 Tage später nahm mich die Kripo in der Nähe vom Hauptbahnhof fest und lieferte mich ins Jugenduntersuchungsgefängnis ein. 3 Wochen später war Gerichtstermin, wurde zu 3 Wochen Jugendarrest verurteilt wobei die Untersuchungshaft angerechnet wurde und fand mich im Heim wieder.

Die 3 Wochen Untersuchungshaft hatten keinen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Es war auch nicht anderst wie in dem Kinderheim, in dem ich aufgewachsen bin. Die Unterschiede bestanden darin, daß es keine Nonnen waren die mir die Freiheit nahmen, sondern Wärter in Uniform und die Türen keine Klinken hatten. Sonst war so ziemlich alles gleich. Von den anderen Gefangenen hielt ich mich fern und konnte so ganz gut in meiner Traumwelt leben. Meine Schwester und die Jugendgerichtshilfe besuchten mich in der Haftanstalt, was mir bei meiner Schwester sehr peinlich war. Ich merkte, daß es ihr auch schwer gefallen sein muß, mich in einer solchen Umgebung sehen zu müssen.

Mein Amtsvormund war nun der Meinung sich um mich mal kümmern zu müssen und suchte mit mir das Gespräch. Ich war anderer Ansicht und der Amtsvormund konnte mich mal kreuzweise. Ich machte ihr Klar - der Amtsvormund war eine
Frau - daß ich die Schnauze vom Heimleben voll habe und lieber auf der Straße krepieren würde, als wieder dorthin zu gehen. Wir vereinbarten, daß ich solange in dem Heim bleiben solle, bis ich eine neue Lehrstelle habe, dann könne ich das Heim verlassen und mir ein Zimmer suchen. Ich machte mich auf den Weg und wenig später hatte ich eine Lehrstelle als Bäcker. Aus dem Heim konnte ich auch ausziehen, da mir der Bäcker, bei dem ich lernte, eine Unterkunft zu Verfügung stellte, Neben der Bäckerei war eine Wohnbaracke mit 3 Zimmern, die von einem Gesellen, einer Hilfskraft und mir als Lehrling bewohnt wurden.

Das Bäckerhandwerk machte mir Freude. Der Chef war umgänglich, der Geselle meistens angetrunken und die Hilfskraft um Arbeit bemüht. Ich wurde voll in den Tagesablauf der Backstube integriert. Die Arbeitszeit begann 3:30 Uhr und endete, wenn das Tagespensum geschafft war. Es kam immer darauf an, was an Bestellungen im Geschäft vorlagen. Das Jugendschutzgesetz interessierte auch niemanden, was für mich durchaus verständlich war. Die Hauptarbeit in der Bäckerei war nun mal von 3:30 Uhr bis 7:00 Uhr, um die Regale im Geschäft, das um 6 Uhr geöffnet wurde, mit frischem Backwerk zu füllen. Nach 7 Uhr bis Arbeitsende wurden Kuchen, Torten und Dauergebäck gefertigt. Ich wurde schon als Lehrling gut bezahlt und hatte eine schöne Zeit. Leider erkrankte ich an der Mehlkrätze und mußte den Beruf des Bäckers aufgeben. Mit dem Beruf verlor ich auch meine Unterkunft.

Die Strasse hatte mich wieder und mein Alkoholkonsum stieg ständig an. Ich prostituierte mich wieder und hatte das Glück bei einem dieser Herren wohnen zu können. Ertragen habe ich das Ganze nur im Halbsuff. Weil in Freiburg für mich nichts mehr zu verdienen war, begab ich mich auf Wanderschaft. Ich prostituierte mich in jeder größeren Stadt und wenn dort nichts mehr zu holen war, zog ich weiter. Das verdiente Geld wurde regelmäßig in Alkohol umgesetzt. Ärger mit Bahnpolizisten waren an der Tagesordnung, da ich mich in der Regel am Hauptbahnhof betrank. In meinem Suff prügelte ich mich mit irgendwelche Leute, so konnte es nicht ausbleiben, das Strafanzeigen wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch meine ständigen Begleiter wurden. Die Richter verhängten in der Regel Geldstrafen oder verurteilten mich zu einer Zeitstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. All das störte mich nicht im geringsten. Wenn die Strafen die über mich verhängt wurden abschreckend sein sollten, so verfehlten diese bei mir ihre Wirkung. Strafe war ich gewohnt von Kindheit an, mit Strafen konnte ich umgehen, sie machten mir keine Angst. Auch hier half mir meine Traumwelt. Hin und wieder hatte ich es satt mich zu prostituieren und verdingte mich als Schaustellergehilfe auf Rummelplätze. Dies war harte Arbeit und wurde schlecht bezahlt. Ich bleib auch dort nie lange.

Ich hatte das Rumziehen satt und wollte sesshaft werden. Allerdings war mir nicht klar, wie ich dieses Vorhaben bewerkstelligen sollte. Da fiel mir wieder meine Familie ein. Wo mein zweitältester Bruder wohnte, wusste ich, da mir meine Schwester seine Anschrift mitteilte. Ici kratzte mein letztes Geld zusammen und fuhr nach Offenbach. Dort wohnte mein Bruder, er war verheiratet. Er lud mich ein, eine Zeit bei seiner Familie wohnen zu können, nur anmelden könne ich mich dort nicht. Ich fand ziemlich schnell heraus, daß mein Bruder drogenabhängig war. Er kiffte und nahm Heroin. Seinen täglichen Konsum an Drogen die er benötigte, verdiente er sich durch dealen mit Drogen, er verkaufte Haschisch und Trips. Seine Geschäfte wickelte er in Frankfurt ab, wobei er mich mitnahm. Dies war ein gefährliches Geschäft, Raubüberfälle auf Drogendealer waren an der Tagesordnung. Als mein Bruder einmal überfallen wurde, legte er sich eine Waffe (Mauser 7,65 mm) um sich schützen zu können. Auch ich rauchte Haschisch und nahm Trips zu mir. Allerdings brachten Drogen bei mir nicht die gewünschte Wirkung und nach einiger Zeit nahm ich keine Drogen mehr. Ich kann mich erinnern, daß ich meinem Bruder einmal 2 Trips stahl und diese auf einmal nahm. Die Wirkung der Trips waren haarsträubend. Ich konnte 3 Tage und Nächte nicht schlafen, hatte das Gefühl ständig klar in der Rübe zu sein und war völlig hemmungslos. Auch hatte ich ein ständig steifes Glied in der Hose. Zum Glück hatte ich keine sexuellen Bedürfnisse was durchaus zu einer Vergewaltigung hätte führen können. Mein Bruder war um mich besorgt, zumal ich auch noch seine Waffe mitgenommen hatte. Er suchte mich stundenlang, fand mich jedoch nicht. Er kannte die Wirkung der Trips und hatte Angst um mich.

Diese Episode meines Lebens überstand ich unbeschadet. Die Spannungen in der Familie meines Bruders wurden immer unerträglicher. Seine Frau die auch Drogen genommen hatte und seit der Geburt ihres Kindes nun keine mehr nehmen wollte, suchte Hilfe bei den “Jesuspeapel.” Auch war sie wieder schwanger und für mich wurde es Zeit, meiner Wege zu gehen. Ich prostituierte mich in Frankfurt und verdiente so meinen Lebensunterhalt. Auch ließ ich mich auf kleinere Betrügereien ein und wurde dabei erwischt Da ich ohne festen Wohnsitz war, verschiedene Bewährungsstrafen noch offen hatte, wurde ich in Untersuchungshaft genommen und wenig später zu einer Gesammtjugendstrafe von 18 Monate verurteilt. Die Gefängnisstrafe verbüßte ich in der Jugendstrafvollzugsanstalt in Wiesbaden.

Fortsetzung folgt...

 

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