Mit 13 das erste Mal betrunken, mit 17 Alkoholikerin.

Steuer auf Alcopops reicht nicht.
- Besuch in einer Suchtklinik für Jugendliche -

von Silke Wichert


Ahlhorn
- Genauso sollte es sich anfühlen. Keine Sorgen, kein Stress. Alles ganz weit weg. Nur manchmal, zwischen zwei tiefen Schlucken, mischte sich dieser Gedanke dazwischen: Komm ich noch klar? Dann klirrte die Bierflasche ihrer besten Freundin wieder an ihre, und Jenny (Name geändert) nahm den nächsten Schluck. Der lästige Gedanke war weg. Sie konnte in Ruhe weiter saufen.

Mit 13 hatte sich Jenny das erste Mal betrunken. Mit 15 war sie regelmäßig voll. Mit 17 Alkoholikerin. Das wusste sie damals natürlich noch nicht. Rumprobieren, Erfahrungen sammeln, feiern gehen - das gehörte zum Jungsein schließlich dazu. Mit 23 als Patientin in einer Entwöhnungsklinik zu sitzen - das irgendwie nicht.

Die Dietrich-Bonhoeffer-Klinik liegt in Ahlhorn, ländliche Provinz zwischen Oldenburg und Osnabrück. Ein flacher roter Klinkerbau mit langen Gängen, die zu Zweibettzimmern und Aufenthaltsräumen führen, an den Wänden hängen selbst gemachte Fotocollagen. Neben dem Hauptgebäude gibt es eine Sporthalle, auf dem Hof stehen Tischtennisplatten. Wie in einer Jugendherberge.

Und irgendwie trifft es das auch. Die Patienten sind höchstens Anfang zwanzig, die jüngsten gerade 15. Die Klinik gehört zu den wenigen Einrichtungen, die sich speziell um Jugendliche mit Suchtproblemen kümmern. Die 48 Betten sind immer voll belegt. Als Jenny sich schließlich zu einer Therapie entschloss, musste sie drei Monate auf ihren Platz warten.

Vielleicht wird es demnächst noch länger dauern, hier unterzukommen, meint Jürgen Schlieckau, pädagogischer Leiter der Klinik. Denn seit letztem Jahr nimmt die Zahl derjenigen, die primär mit Alkoholproblemen kommen, erstmals wieder zu. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. ist der Alkoholkonsum von Jugendlichen seit 2001 deutlich gestiegen.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk, nennt die Entwicklung "erschreckend". Die Jugendlichen lassen sich vor allem früher voll laufen und häufiger gleich bis zum Umfallen. Die Zahl der mit Alkohol-vergiftung eingelieferten Jugendlichen nahm innerhalb von drei Jahren um ein Viertel zu.

Und: War früher nur ein Fünftel davon Mädchen, sind sie heute beim Trinken vollkommen gleichberechtigt. "Hier rollt eine Epidemie auf uns zu", sagt Schlieckau.

Schuld an der Entwicklung sollen vor allem die so genannten Alcopops sein. Kleine bunte Fläschchen, die zuckersüß ihren Spirituosen-anteil vergessen machen. Deshalb hat der Bundestag vor drei Tagen eine Sondersteuer von rund 84 Cent pro Flasche ab Juli beschlos-sen. Eine Maßnahme, die von allen Seiten begrüßt wird. Außer von der Spirituosen-industrie, die mit den süßen Getränken Traum-Umsätze erzielte. Allein Jägermeister-Chef Hasso Kaempfe forderte gestern gar ein generelles Alkoholverbot für Jugendliche unter 18 Jahren. "Gezielt die ganz Jungen anzu-sprechen war ein Volltreffer der Hersteller", sagt der Jugendforscher Klaus Hurrelmann. "Das wieder aus den Köpfen zu bekommen wird dauern."

"Wenn du jung bist und dein ganzes Leben noch vor dir hast, dann denkst du nicht daran, dass du es dir gerade versauen könntest", meint Jenny. Irgendwann merkte sie, dass sie in ihrer Ausbildung als Hotelfachfrau nicht mehr zurechtkam. Sie schlief kaum, die Hände zitterten. Ohne trinken ging es nicht mehr. Ohne arbeiten schon. Kurz vor dem Abschluss schmiss sie alles hin.

Vier bis sechs Monate wird sie in der Bonhoeffer-Klinik bleiben. Jeden morgen um sieben Uhr aufstehen, in der Gärtnerei oder Schreinerei arbeiten, Gesprächstherapie machen. Lernen, ihr Leben im Griff zu haben, ohne sich an einer Flasche festzuhalten.

"Dass das Gehirn viel stärker angegriffen wird als bei Erwachsenen, wissen die meisten nicht", sagt Schlieckau. "Ebenso wenig, dass bei Jugendlichen schon ein paar Monate reichen, um nicht mehr von dem Zeug loszukommen." Die Sondersteuer halte er deshalb für sehr wichtig, entscheidend aber sei die Prävention, sagt der Experte. "Hier sind alle gefragt, Schule, Jugendarbeit, jeder Einzelne in der Öffentlichkeit. Wir müssen die Jugendlichen so früh wie möglich erreichen. Haben sie erst einmal angefangen, wird es viel schwerer, sie davon wegzubekommen als bei Erwachsenen.

Jenny sagt, sie sei jetzt trocken. Mit 23. Und sie sagt, sie wolle nach ihrer Therapie die Schule beenden, sie denkt sogar an ein Studium. Aber ihr ganzes Leben lang, mit Freunden, in der Disco, nie wieder Alkohol trinken zu dürfen, das kann sie sich noch nicht vorstellen. "Ich bin doch noch so jung."

Artikel erschienen am 9. Mai 2004

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