Verrecken, Verblöden oder Leben

- Die allerletzte Kurve -

Ein Nachmittag bei den Anonymen Alkoholikern

von Albert Link
Hamburg - So also sehen Alkoholiker aus. Einer, der sich „so weit heruntergesoffen hatte, dass ich nicht mehr lesen, schreiben oder reden konnte«. Eine, die „von meiner eigenen Tochter aus der Kotze gezogen wurde". Andrea (35) mit dem modischen Kurzhaarschnitt und Dieter (55) mit den lustigen Knopfaugen. So also sehen sie aus: ganz normal.

Ein Kindergarten in Wellingsbüttel an einem schönen Sonntagnachmittag: Es gibt Kaffee, sechs Thermoskannen voll. Um den langen Konferenztisch sitzen 22 Männer und Frauen. Menschen, die das Leben durchgekaut und ausgespuckt hat. Die an der Welt oder an sich selbst fast verzweifelt wären. Für die es keine strahlenden Tage mehr gab, sondern nur noch grau in grau. Anonyme Alkoholiker.

Sie wissen, dass sie für den Rest ihres Lebens ein Problem haben mit der „heimtückischsten aller Drogen" (Rudi, 48). Immerhin haben sie den ersten und schwersten Schritt geschafft Lothar (47): „Wir akzeptieren, dass wir dem AIkohol gegenüber machtlos sind."

„Trocken" wurden sie mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker, dem „letzten Auffangnetz", das in den vergangenen 50 Jahren Zigtausende vor dem Sturz ins Bodenlose bewahrt hat. Wie Ulrich (67), der mit zitternder Stimme sagt: „Ohne AA wäre ich längs tot.“

So offen reden innerhalb dieser vier Wände alle – weil sie sich auf den wichtigsten Grundsatz verlassen können: Anonymität.

„Mein Name ist Dieter, ich bin Alkoholiker. Und ich finde mich liebenswert." Stille, nur noch der Straßenlärm ist zu hören. Als er im Jahr 1990 bei AA ankam, „besoffen und komplett malle in der Birne", habe ihm „ein Freund" ins Gesicht gesagt: „Du hast drei Möglichkeiten: verrecken, verblöden oder leben." Dieter wollte leben. Er zieht eine Münze aus dem Geldbeutel mit der Zahl 13 - für 13 trockene Jahre. Feucht sind jetzt nur seine Augen. „Dass ich wieder in den Spiegel schauen kann, verdanke ich euch."

Eine attraktive, junge Frau meldet sich zu Wort. „Mein Name ist Andrea, ich bin Alkoholikerin. Ich bin ein vollwertiger Mensch."Eine Zeit lang sei sie sogar mächtig selbstbewusst gewesen: „Ich hatte eine eigene Firma. Alkoholiker? Das waren für mich die Assis vom Bahnhof." Bis die Mutter einer 17-jährigen Tochter abstürzte aus ihrer geordneten Welt: „Der ganze Keller und der Kofferraum waren voll leerer Flaschen, ekelhaft." Die Sucht trieb sie bis in den Selbstmordversuch. Dass sie heute trocken, ist, „sogar wieder Vogelstimmen hört", verdanke sie AA: „Ich weiß nicht wie, ich weiß nur, dass es funktioniert. Ich trinke nicht mehr, ich fühle mich nicht mehr einsam."

Neben ihr sitzt Rudi, „Alkoholiker und drogenabhängig". Einer von ganz unten: „Wisst ihr, was Klapperschlucken ist?" Blick in die Runde, einige schließen die Augen. Und ob sie wissen. „Ich habe das Zeug schon morgens aus dem Becher gesoffen, rausgekotzt und wieder reingesoffen bis es dringeblieben ist."Heute lebe er „bewusst" statt betäubt: „Ich habe 'ne Arbeit, 'ne Wohnung und gute Freunde. Der beste sitzt heute hier rieben mir.

" Und so geht es weiter, 22 kleine Wunder lang. Der Abschluss des Meetings: ein Ritual: Alle fassen sich an der Hand, um den „Gelassenheitsspruch" aufzusagen: „Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

"Sie wünschen sich „gute 24 Stunden". Schauen sich tief in die Augen. Und nehmen sich dasselbe vor wie gestern und vorgestern: Es heute wieder stehen zu. lassen - „das verfluchte erste Glas".

 

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