(K)ein Glas in Ehren

60 000 alkoholabhängige Menschen leben in Hamburg. Einer von ihnen ist Lothar von den Anonymen Alkoholikern (AA), der bereits mit 17 Jahren Alkoholiker war und erst 20 Jahre später den Ausstieg fand. Zum Thema „Alkoholismus“ sprach das Alstertal-Magazin mit Frau Dr. Johanne Feldkamp, der Leiterin der Beratungs- und Behandlungsstelle „HUMMEL“.

Alkoholische Getränke sind ein fester Bestandteil unserer Alltagskultur: Bei Geburtstagen oder zum Abspannen nach Feierabend – eine Legitimation zu Wein & Co. zu greifen, gibt es immer öfter. Ein Umstand, der nicht zuletzt durch die TV- und Werbeindustrie gefördert wird. Hinter der inszenierten heilen Fassade der Schönen und Reichen dokumentiert jedoch eine Zahl die vielfach unterschätzte Gefahr, die von Alkohol ausgeht: Jährlich sterben in Deutschland 42.000 Menschen an den direkten oder indirekten Folgen von Alkohol! Von insgesamt 1,6 Millionen Alkoholikern in Deutschland leben allein 60.000 in Hamburg.

Die Hummelsbüttler Diplom-Psychologin Dr. Johanne Feldkamp, Leiterin der Beratungs- und Behandlungsstelle „HUMMEL“ weiß jedoch, dass die Dunkelziffer erheblich höher ist: „Experten gehen davon aus, dass jedes fünfte Krankenhausbett von einem Alkoholiker belegt ist.“ Die Frage, ab wann jemand als Alkoholiker bezeichnet wird, kann nicht pauschal beantwortet werden; zu viele individuelle Faktoren spielen mit hinein. Problematisch wird es nach Meinung von Suchtexperten, wenn ein Mensch nach einem Glas nicht aufhören kann zu trinken, obwohl er sich dies vorgenommen hat .„Allgemein gilt, dass Frauen pro Tag nicht mehr als 10 Gramm – wie z.B. ein kleines Bier – und Männer nicht mehr als 30 Gramm Alkohol pro Tag zu sich nehmen sollten“, bilanziert die Diplom-Psychologin. Ein Indikator für eine Sucht sei zudem eine Steigerung der alkoholischen Menge, um den gewünschten Entspannungsmoment zu erzielen. Hier wird von einer „Toleranzentwicklung“ gesprochen.

Diesen befriedigenden Zustand versuchte auch Lothar – seit zehn Jahren Mitglied bei den Anonymen Alkoholikern – bereits in frühen Jugendjahren herzustellen: „Als Sohn eines alkoholabhängigen Vaters bin ich im Kinderheim herangewachsen und habe mich dort zum Einzelkämpfer entwickelt. Der Alkohol hat mir ein entspanntes Gefühl gegeben und mir geholfen, mich selbst zu ertragen. “Einen großen Risikofaktor an einer Alkoholsucht zu erkranken, sieht Dr. Johanne Feldkamp wie im Fall von Lothar in einer familiären Vorbelastung: „50% der Abhängigen haben einen alkoholkranken Elternteil und konnten ein adäquates Konfliktverhalten nie lernen.“

Und wie sieht es hinter den heilen Fassaden des Alstertals aus?
„Unser großes Einzugsgebiet macht eine örtliche Differenzierung schwer“, erklärt die Suchtexpertin. „Ich weiß aber, dass die besser Verdienenden, der Anonymität wegen, lieber in Privatkliniken gehen.“ Die Möglichkeit mittels Akupunktur eine ambulante Entgiftung sowie eine Stabilisierung in Krisensituationen zu erzielen, bewöge vor allem viele Frauen in die „HUMMEL“ zu kommen. Ansonsten sei die Klientel im Alstertal sehr gemischt. Im Durchschnitt vergehen 13 Jahre bis ein Alkoholiker eine Suchtberatungsstelle aufsucht. Im Verlauf dieser Zeit haben auch die Angehörigen schwierige Zeiten durchlitten und benötigen oft externe Hilfe. „Für den Partner ist es wichtig, seine eigene Rolle innerhalb der Beziehung zu erkennen“, erklärt Dr. Johanne Feldkamp und ergänzt: „indem er das Verhalten des Abhängigen zu entschuldigen oder vor der Außenwelt zu verbergen versucht, unterstützt er die Sucht des Partners.“ Im Fachjargon spricht man hier von „Co-Abhängigkeit“. Sich einzugestehen, dass man den Alkoholabhängigen nicht zu einer Therapie zwingen kann, ist ein essentieller Schritt. Denn: Ein Weg aus der Sucht kann nur beginnen, wenn der Kranke Verantwortung für sein Handeln übernimmt und zu einem Entzug bereit ist.

Bei Lothar hat es 20 Jahre gedauert. Nachdem seine Alkohol-und Medikamentenabhängigkeit seinen Körper so geschädigt hat, dass er sich nicht mehr bewegen konnte, entschied er sich zu einer Suchttherapie und schloss sich währenddessen der Selbsthilfegruppe der „AA“ an. Mit Erfolg, denn er ist seit 10 Jahren „trocken“. „Die Therapie hat mir das Gerüst gegeben – die Selbsthilfegruppe die Stärke, die gelernten Elemente in die Praxis umzusetzen.“

Sandra Doose

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